PLASMA subjects its audience to an identification process

Wittingly or unwittingly, we keep leaving tracks of data and are permanently being identified by electronic systems whose technical equipment is becoming increasingly smarter. Facial recognition software, fingerprinting, iris and body scanners record distinguishing features and data in order to verify for the control system that we really are who we are and what we appear to be.

In ID the audience is subjected to an identification process: data is collected, booking numbers are compared, forms stamped and passes issued. The machinery of a bureaucratic ghost train ride past friendly hostesses and busy receptionists is set in motion. The audience members, however, cannot meet the system’s demands as they never present the right form or appropriate identification number and the crucial lists do not contain their names.

We are experiencing a dream-like walk through an automated facility; it’s as if we had left the world and were ushered through the registration system of the gates of heaven. And as the system registers and files us, it evokes the question: “Why do I think that I am me and not someone else, and if I lost my ID card and forgot my access code, address, name and biography, would I still be me or would I already - or again - be someone else?

With this new PLASMA Project 13, Lukas Bangerter attempts a formal superposition of installation/environment and proscenium theater. Using a new type of video technology that interacts with the players and receives and processes impulses from the audience in real-time, PLASMA accedes to a new plane of its work, all the while remaining consistent in its choice of topics: in place of the tragicomical characters of previous projects with their recurring and hopeless struggle for identity on various levels, there are now stewards and hostesses guiding the audience through a hyperaesthetic world located between the social poles of politically necessary data transparency and the inherent secrecy required for the preservation of national security.

Does the identification apparatus actually still have a clear view of what it is supposed to identify? Or do structural errors create new identities? Or is this part of the system’s unintentional collateral effect that produces new identities through dissociation and differentiation? “Is there an underlying dramaturgical process?” one asks oneself and begins suspecting that God might be a dramaturg.

ID is a walk-around theater project. A three-dimensional concert. A scenic sculpture.

ID is a coproduction with the Theaterhaus Gessnerallee in Zurich and is produced with a group program subsidy of the Theaterkommission der Stadt Zürich (theater commission of the city of Zurich) awarded to PLASMA.

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This project is made possible by:

  • Dr. Adolf Streuli-Stiftung,
  • Ernst Göhner Stiftung,
  • Institut for performing art and film / ZHdK,
  • Institut für Bildverarbeitung (BIWI), Dept. Informationstechnologie und Elektrotechnik ETH Zuerich,
  • Kanton Zürich Fachstelle Kultur,
  • Präsidialdepartement der Stadt Zürich Theaterförderung,
  • Pro Helvetia,
  • TBS – touchless – biometric - systems Holding AG

Press:

Die Gruppe Plasma erforscht die Welt der Biometrik. Und erzählt mit neuen Mitteln eine alte Geschichte «Mich interessiert die Musik des Lichts, das Tempo der Geräusche», sagt Regisseur, Autor und Bühnenbildner Lukas Bangerter. Das hört sich versponnen an, ist bei Bangerters Gruppe Plasma aber szenisches Programm: Licht, Video, Sprache, Schauspiel, Kulisse und Musik fliessen dort zusammen zu einem performativen Gesamtkunstwerk, Seit zehn Jahren folgt Plasma dieses Prinzip, wird damit an Festivals im ln- und Ausland eingeladen und euphorisch besprochen. Das aktuelle Projekt - Nr.13 - trägt den Namen «ID - eine biometrische Theaterinsrallation“ und befasst sich mit Identität. Mit der immer grösser und feingliedriger werdenden Registrierung und Verwertung von Identität, genauer gesagt. Und weil Plasma Plasma ist, kann man in der Gessnerallee nicht einfach das Billett kaufen und auf seinen Sitz zusteuern, sondern wird erst mal durch «den Apparat» geschleust; eine labyrinthartig angelegte Erfassungsmaschine, die sich hinter der Bühne erstreckt, wo einem Geräte und Schauspieler Fingerabdrücke abnehmen, die Iris scannen, wo es piepst und lasert, bis man zwar überall abgespeichert ist, aber schon fast nicht mehr weiss, wo man steht. Keine Angst, dann kann man sich setzen und zuschauen, wie die Betreiber des Apparats diesen mit Informationen versorgen. Und Fragen aufkommen lassen. Denn ist es mittlerweile nicht umgekehrt? Wenn Computer uns aufgrund unseres Profils Bücher und Ferien empfehlen - lassen wir sie rechnen, oder berechnen sie uns? Hat man überhaupt noch eine Identität, wenn man seine Passnummer nicht mehr findet? Sind wir noch wir selbst, oder werden wir von Maschinen definiert? Die Geschichte der menschlichen Erfindung, die ausser Kontrolle gerät, ist mindestens so alt wie Frankensteins Monster. Plasmas ID erzählt sie in einer sehr aktuellen Form. Und wie!

Tagesanzeiger

Es ist eine der schönsten Möglichkeiten des Theaters: die Erschaffung von absurden Räumen. Von Räumen, in denen alle die steuernden, kontrollierenden, aber auch kreativen Kräfte des Menschen aus dem Ruder oder ins Leere laufen; Räumen, wo nicht mehr erkennbar ist, ob der Mensch Subjekt oder Objekt der von ihm erschaffenen Systeme ist. Wo die Maschine, die Virtualität, das Nichts auf Kosten des Menschen zu sich selber finden. Wo die Identität des Menschen, um es hochgestochen zu sagen, kybernetisch dekonstruiert wird. Wenn nicht alles täuscht, sind solche Zonen eines der Lieblingstummelfelder der im Jahre 2000 gegründeten Zürcher (Theater-)Gruppe Plasma. Was gibt es in den mittlerweile dreizehn Projekten nicht alles für Übergangsräume, wo das Ende des Menschlichen erkundet, die menschlichen Bemühungen um Erkenntnis ad absurdum geführt und die Vermessenheit des Vermessens des Menschen ins Lächerliche gezogen wird. Welches Letztere wohl vor allem für die neue Produktion von Plasma gilt, kurz «ID» genannt und als «biometrische Theaterinstallation» bezeichnet. Plasma-Mastermind Lukas Bangerter (Regie, Bühnenbild und Text) lockt die Zuschauer nach dem Einlass in ein Labyrinth und auf einen Registrierungsparcours, bevor sie sich ganz konventionell auf Sitzreihen einem Bühnenbild gegenüber finden. Da ist er nun, dieser absurde Raum: Dem Gewirr von Gängen, das man selber durchlaufen hat, ist eine Fassade mit zwei Wachhäuschen und zwei Treppenabgängen vorgeklebt. Mit ihrem anonymisierenden Grau und den deutlichen Anklängen an die Architektur um 1940 evoziert sie wenig kuschelige Zeitumstände, doch das freundliche und fast ein bisschen zerstreute Kontrollpersonal in Allerwelts-Airline-Uniformen hat bei der Triage und dem Stempeln der Passierscheine für Entkrampfung gesorgt. Und so ist es denn auch das Personal selber, das sich bald in den Registrierungsmechanismen verfängt. «Access denied» blinkt es plötzlich, als einer der Uniformierten (Jesko Stubbe) seiner Arbeit nachgehen will. Und von nun an produziert das System vor allem Störungen. So wirkt es lebendig, launisch, eigensinnig. So undiszipliniert wie es selbst sind allerdings auch die Uniformierten: Haben sich die beiden Damen in den Wachhäuschen (Lilian Fritz und Helene Høm) noch eben engstirnig beamtenhaft benommen, lassen sie sich auf eine Party in der Kabine, auf revuehafte Tänze im Parkett und auf schnellen Sex im Labyrinth ein. Nur der Mann am Video-Überwachungspult (Wowo Habdank) behauptet noch beruflichen Ehrgeiz, auch wenn er sich, angesichts seines eigenen Bildes auf dem Videoscreen, vor allem für seine entstehende Glatze interessiert. So wandelt Plasma ein bekanntes clowneskes Spiel ab: den Kampf des Menschen mit einer selbstherrlich werdenden Maschine. Doch als eigentliches Zentrum der Aufführung mag man das nicht gelten lassen. «ID» will uns auf eine neue Form der Identität vorbereiten: Wenn wir überall Daten über uns selber preisgeben, wird es irgendwann eine Instanz geben, die mehr über einen weiss als man selbst. Nur ist diese Instanz nicht zu orten. Der Mensch hinterlässt lauter Spuren, doch kaum jemand liest sie. Dennoch gibt es in diesem Universum der Nichtbeachtung die Chance der Begegnung: In einem der Monologe wird das Surren einer sich auf einen zudrehenden Kamera zu einer erotisch bestimmten Erfahrung. Die politische Problematik der omnipräsenten Überwachung scheint ausgeblendet. Plasma evoziert vor allem die Verlorenheit der nicht wahrgenommenen Bilder. In den Eingeweiden des Systems tun sich unendliche Leerräume auf, die moderne Elektronik setzt die Weiten des Weltraums ins Innere von Datenspeichern fort. Das ist der poetische Teil der Aufführung. Sonst dominiert die Show, die ihren grossen komischen Höhepunkt hat, der hier nicht verraten sei. Dabei unterzieht sich Plasma grossen technischen Anforderungen. Im Schnittpunkt der Klangpartitur von Jan Ratschko (Bandoneon und Holzblasinstrumente) und Martin Wigger (Laptop) lässt Lukas Bangerter seine Darsteller und Videobilder einen Geistertanz tanzen, bei dem er den roboterhaft ihre Bahnen ziehenden Menschen eine sich verzerrende biometrische Gesichtsaufnahme gegenüberstellt. Es ist, als wolle sich das vermessene Gesicht in einem schmerzhaften Akt aus seiner Fixierung befreien.

NZZ

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